Auf den Spuren eines Kshatriya 10 – Eine Reise in die Vergangenheit - in ein früheres Leben - Das Herz von Cheranadu
- Anja
- 26. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Nov. 2025
Kodungallur: Das Herz von Cheranadu
Zwischen den Welten – Kodungallur
Am nächsten Morgen klingelt mein Handy, kaum dass ich die Augen öffne. „Good morning, Madam“ – „Madam, ready? I’m downstairs. You have ten minutes. “Ich seufze, rolle mich aus dem Bett, und während ich versuche, gleichzeitig Zähne zu putzen, mich anzuziehen und meine Tasche zu finden, höre ich draußen das vertraute Hupen seines Autos. Der Tag kann beginnen.
Wir fahren los, vorbei an kleinen Straßenständen mit glänzenden Bananenblättern, betelkaubenden Männern und Frauen, die wie aus einem farbigen Traum auftauchen – in Rot, Gold, Orange. Kodungallur ist anders. Man spürt sofort, dass hier viele Zeiten gleichzeitig leben.
Unser erster Halt ist die alte Mar Thoma Kirche, die, so sagt man, vom Apostel Thomas selbst gegründet wurde, um das Jahr 52 n. Chr. – also zu einer Zeit, als in Rom noch niemand wusste, dass Kerala überhaupt existierte. Die Kirche ist schlicht, weiß, mit einem leicht schiefen Holzkreuz, das sich gegen den Wind lehnt. Ich trete ein, und es riecht nach feuchtem Holz, nach Räucherwerk und Geschichte.

Viju wartet draußen,
Drinnen ist es still, nur ein paar Gläubige flüstern Gebete, oder lächeln mich einfach an, während Sonnenstrahlen durch kleine Fenster auf den Boden fallen. Ich setze mich auf eine der alten Plastikstühle, lege kurz die Hände zusammen und denke daran, wie unglaublich es ist, dass an diesem Ort schon vor fast zweitausend Jahren Menschen aus fernen Ländern herkamen – Händler, Krieger, Suchende. Vielleicht auch welche wie ich.

Als ich wieder hinausgehe, steht Viju am Auto mit einem kleinen Becher Chai bereit. „You prayed?“ „hm maybe.“ „Madam… again, very spiritual,“ sagt er trocken. Ich lache. „Just a habit.“ Er grinst, als wollte er sagen: Natürlich, Madam. Schon klar.
Wir halten kurz an einem kleinen Stand, essen Vadas und Bananenchips – beides so heiß, dass ich mir fast die Zunge brenne. Viju bestellt sich einen zweiten Chai, während ich versuche, nicht zu kleckern.
Dann fahren wir weiter zum Kodungallur Bhagavathi Tempel, einem der ältesten Schreine Keralas. Der Legende nach soll hier einst Kannaki, die Göttin der Gerechtigkeit, verehrt worden sein – eine Frau, die eine ganze Stadt zerstörte, nachdem man ihren unschuldigen Ehemann hingerichtet hatte. Eine typische Geschichte für Kerala: Wut, Liebe, Ehre – und ein Hauch kosmische Gerechtigkeit.

Schon am Eingang sehe ich sie: Dutzende Frauen in roten Saris, mit wildem Blick und Haaren, die im Wind fliegen. Sie schreien Gebete, schlagen mit Stöcken gegen den Boden und werfen rote Kurkumapaste in die Luft. Ein Priester trommelt, als wolle er die Erde aufwecken.
Ich bleibe stehen – halb fasziniert, halb überfordert. Viju lehnt am Auto, beobachtet mich und sagt ruhig: „Don’t go too close, Madam. Sometimes… they bite.“Ich starre ihn an.„You’re joking?“ Er hebt eine Augenbraue. „Not always.“

Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Trotzdem bleibe ich auf Abstand und beobachte das Schauspiel: Blutrot, laut, archaisch. Es ist kein Tempelritual für Touristen – es ist ein Ausbruch uralter Kraft. Vielleicht genau das, was die Chera-Krieger einst fühlten, als sie in den Kampf zogen. Es fasziniert mich, und ich bleibe lange etwas abseits sitzen und beobachte die Hingabe der Menschen an diesem Ort bis irgendwann der Viju nach mir sucht und meinte er dachte schon, ich wäre dem Tempel zum Opfer gefallen. Es ist Mittag, wir essen wir in einem kleinen Familienrestaurant. Ein Bananenblatt, darauf Reis, Avial, Sambar, Pickles, Papadam – alles duftet, alles ist zu viel. Ich nehme mir vor, nur ein bisschen zu essen, doch Viju bestellt Nachschlag, als wäre er mein Ernährungsberater. Danach fahren wir hinüber zum alten Fort Cranganore, das heute nur noch eine Ruine ist – ein paar Mauerreste, halb im Grün versunken. Viju klettert auf einen Steinblock und zeigt auf die Stelle, wo einst der Hafen lag.„From here, Madam… Romans came. Arabs. Chinese. Everyone. Trade, spice, gold.“Ich nicke. „And now… only mosquitoes.“„Yes,“ sagt er und klatscht eine tot. „But still very historical.“
Es wird langsam dunkel und es geht zurück zum Hotel.
Am Abend sitzen wir auf der niedrigen Mauer vor dem Hotel. Die Luft ist warm, schwer vom Geruch nach Sandelholz und Meer. Er öffnet zwei kleine Flaschen Rum, die er irgendwoher besorgt hat. „Cheers, Madam. To history, and to not getting bitten by temple ladies.“Ich pruste los vor Lachen. „I’ll drink to that.“
Ich nehme den letzten Schluck Rum, blicke hinauf zum Nachthimmel und flüstere leise:„Zwischen den Welten – genau da bin ich wohl richtig.“
Hunger habe ich keinen mehr. Zur Not hätte ich noch etwas Knabberzeug im Rucksack, Viju gähnt, klopft mir auf die Schulter. „Good night, Madam. Tomorrow, early start.“ „Yes,“ sage ich, „long road ahead.“
Wir verabschieden uns bis morgen. Dann gehe ich in mein Zimmer, lausche noch einen Moment dem leisen Rauschen des Windes – und schlafe ein.




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