Auf den Spuren eines Kshatriya 13 – Eine Reise in die Vergangenheit - in ein früheres Leben - Madurai
- Anja
- 6. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Madurai – Macht, Dynastien, Shiva
Der Morgen beginnt still in Kumily. Feiner Nebel hängt über den Bäumen, ein Hahn kräht irgendwo im Tal, als wolle er die Sonne selbst herbeirufen. Nach einem kurzen Tee packe ich meine Sachen. Viju lädt den Wagen, nickt knapp, und wir rollen los – hinab durch das grüne Labyrinth der Westghats, von Kerala nach Tamil Nadu.
Die Straße schlängelt sich durch Wälder, an Wasserfällen vorbei, durch Dörfer mit leuchtend blauen Häusern. Langsam wird die Luft trockener, wärmer, staubiger. Die Düfte ändern sich: statt Kardamom und Pfeffer nun Diesel, Rauch, gegrillter Mais. Und irgendwann – nach Stunden des Fahrens – öffnet sich die Ebene. Der Verkehr wird dichter, das Stimmengewirr lauter, die Farben greller.
Ein Schild taucht auf: MADURAI – TEMPLE CITY.
Ich lächle. Wie jedes Mal.

Madurai hat etwas, das sich nicht erklären lässt. Eine Energie, ein Sog, eine Vertrautheit, als würde die Stadt einen mit offenen Armen empfangen – und gleichzeitig prüfen, ob man bereit ist, tiefer zu sehen.
Wir fahren durch die Altstadt. Dicht an dicht die Läden: Blumenkränze, Messinglampen, Räucherstäbchen, farbige Stoffe. Kühe trotten gelassen zwischen Rikschas hindurch. Über allem dröhnt das ewige Hupen, doch darunter liegt etwas – ein Rhythmus, eine uralte Ordnung.
Doch bevor ich hineingehe, biege ich kurz nach rechts ab – dorthin, wo ein kleiner Laden liegt: mein Schneider, bei dem ich seit Jahren Stoffe nähen lasse.
Der Laden ist kaum breiter als zwei Armlängen. In der Ecke rattert eine alte Nähmaschine, auf den Regalen liegen bunte Stoffballen – Baumwolle, Seide, Brokat.Der Schneider sieht auf, blinzelt kurz – und dann erhellt sich sein Gesicht.
„Madam! After long time!“Ich lache. „Yes, very long time.“
Wir reichen uns die Hände. Er fragt, ob ich wieder etwas nähen will, und ich schüttle den Kopf. „Not this time. Just to say hello.“Er nickt, als verstehe er das sehr gut. Seine Frau bringt mir süßen Tee in einem kleinen Glas, der Sohn – mittlerweile fast erwachsen – steht schüchtern daneben.Ich erinnere mich, wie er als Kind zwischen Garnrollen gespielt hat. Jetzt trägt er ein Hemd und hilft im Laden.
Ein paar Minuten plaudern wir über nichts und alles – über das Wetter, über Deutschland, über die Touristen, die weniger geworden sind. Dann verabschiede ich mich, winke zum Abschied und gehe weiter Richtung Tempel.
Der Lärm, die Glocken, die Gerüche – alles zieht mich hinein.Vielleicht, denke ich, ist es das Licht. Vielleicht der Klang der Trommeln, die aus dem Innern dringen.Oder vielleicht war ich hier schon einmal.

Denn Madurai ist älter als Erinnerung. Die Stadt der Pandya-Könige, deren Blut einst aus der Linie der Kshatriyas stammte. Krieger, die über diese Ebenen herrschten, bevor die Zeit selbst einen Namen hatte. In alten Inschriften wird erzählt, dass sie die Stadt nach göttlicher Eingebung erbauten – um die Vereinigung von Shiva und Meenakshi, dem weiblichen Aspekt des Göttlichen, zu ehren.
Einige Gelehrte glauben, dass jene Krieger, die einst unter den Cheras kämpften, später hier dienten – als Wächter der Tempel, als Priesterkrieger. Ihre Nachfahren sollen bis heute bestimmte Rituale im inneren Heiligtum begleiten.
Ich spüre es fast körperlich: diese Mischung aus Macht, Hingabe und Erinnerung.Wenn ich über den Hof gehe, über den glatten Steinboden, barfuß, durch Weihrauch und Gesang, fühle ich mich nicht wie eine Besucherin.Eher wie jemand, der zurückkehrt.
Als die Sonne sinkt, färbt sich der Himmel golden. Ich bleibe noch eine Weile im Schatten des südlichen Gopurams stehen, sehe den Tauben nach, die über die Türme kreisen, und spüre, wie mich etwas löst – leise, unmerklich.
Später, auf dem Rückweg, kaufe ich mir an einem Straßenstand ein gegrilltes Hähnchenschenkelstück. Der Verkäufer reicht es mir mit einem breiten Lächeln auf Zeitungspapier, daneben ein Zitronenstück und etwas rohe Zwiebel. Der Duft ist unwiderstehlich – Rauch, Chili, Limette.
Ich nehme es mit ins Zimmer, esse auf dem Bett, mit den Fingern. Draußen hupen Motorräder, irgendwo erklingt ein Tempellied.
Madurai schläft nie. Und doch – in dieser Nacht – ist es still in mir.
Vielleicht war es der Tempel. Vielleicht war es Meenakshi. Oder vielleicht nur das Gefühl, endlich dort zu sein, wo ich hingehöre.




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