Auf den Spuren eines Kshatriya 11 – Eine Reise in die Vergangenheit - in ein früheres Leben -
- Anja
- 30. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Dez. 2025
Ich bin pünktlich. Sogar zwei Minuten zu früh.Viju steht schon beim Auto, lehnt lässig an der Fahrertür, die Sonnenbrille halb im Gesicht, halb im Haar. Sein Blick ist eindeutig amüsiert. „Madam… early? You slept well?“ Ich tue so, als hätte ich ihn nicht gehört, lade mein Gepäck ein und nicke nur majestätisch.
Die Luft ist frisch, ein leichter Dunst liegt über den Feldern. Aus der Ferne ruft ein Pfau, irgendwo wird schon gebetet. Ich atme tief durch – die Reise geht weiter.
Nach einer halben Stunde Fahrt, kurz hinter Chalakudy, hält Viju an einem winzigen Chai-Stand. Der Besitzer lächelt zahnlos, seine Tochter rührt im Topf, während der Duft von Ingwer, Zucker und Tee durch den Morgen weht. Zwei Gläser, zwei Samosas – und der Tag fühlt sich gleich besser an.
„Madam… again, very spiritual,“ murmelt Viju plötzlich, halb belustigt, halb ernst. Ich blicke irritiert auf. „Was?“ Er deutet auf den kleinen Schrein neben dem Teestand – eine halb verwitterte Ganesha-Statue, geschmückt mit frischen Blüten. Offenbar hatte ich, ohne groß nachzudenken, eine Blüte daneben gelegt, während ich wartete. Einfach, weil sie da war. Ich zucke mit den Schultern. „Force of habit.“ „Or maybe destiny,“ sagt er mit diesem trockenen Unterton, den nur er hinbekommt. Wir lachen beide.
Die Straße führt weiter, immer tiefer in die Landschaft hinein. Palmenhaine, Reisfelder, kleine Dörfer, in denen Kinder winken und Frauen mit Tontöpfen auf dem Kopf durch den Staub gehen. Auf einer Brücke überqueren wir einen breiten Fluss, das Wasser schimmert golden.
Gegen Mittag biegen wir in ein Seitental ab und ich erkenne die Stelle sofort. „Shortcut,“ sagt Viju mit einem Grinsen. Ich seufze. „Das sagst du immer, bevor’s spannend wird.“
Ein schmaler Pfad führt weiter – kaum zu erkennen, zwischen wildem Gras und niedrigen Palmen. Über einen kleinen Bach sind ein paar wackelige Steinplatten gelegt, die als Brücke dienen. Ich balanciere vorsichtig hinüber, während Viju lachend hinter mir herkommt.
Hinter dem Bach öffnet sich ein kleiner Hof – ein Mangobaum, der seine Schatten weit über den Boden wirft, Kühe, die aufgeregt muhen, weil wir ihren Frieden stören, und in der Ecke ein paar bunte Plastikstühle, die schon bessere Tage gesehen haben.
Das Haus selbst ist schlicht, fast bescheiden – weiß getüncht, mit einem kleinen Dachvorsprung und einem Fenster, das halb offensteht. Aber es hat alles: einen winzigen Garten, ein paar Kräuter in alten Blechdosen, ein Funkeln von Leben. Wie ein Tiny House – aber voller Seele. Ich war ein paar Mal hier, aber jedes Mal ist es, als würde ich in eine andere Welt eintreten – in das Herz Keralas.
Der kleine Junge, den ich bei meinem letzten Besuch auf dem Arm getragen hatte, ist gewachsen. Jetzt trägt er eine Schuluniform und steht schüchtern im Türrahmen. „Er geht jetzt zur Schule,“ sagt Viju mit einem Hauch Stolz.

Ich knie mich hin, öffne meinen Rucksack und reiche ihm eine kleine Tüte. „Süßigkeiten – aus Deutschland.“ Er schaut kurz, dann greift er zu, die Augen leuchten. Sekunden später ist er verschwunden – vermutlich, um den Schatz mit Cousins zu teilen.
Wir essen gemeinsam: Reis, Sambar, Avial, würziges Rasam – alles auf einem Bananenblatt, dampfend, duftend. Ich bin längst satt, doch Viju lacht nur: „You cannot leave until Amma is happy.“ Ich gebe auf halber Strecke auf.
Die Verständigung läuft wie immer über Gesten, Lachen und Augen. Seine Mutter packt mir zum Abschied eine Handvoll Bananenchips in Zeitungspapier – „for later,“ sagt sie mit einem Nicken. Ich verbeuge mich leicht. Wir setzen uns auf die Veranda. Es gibt Chai – süß, stark, mit Kardamom – und ein paar frittierte Snacks, noch warm. Ich verstehe kaum ein Wort, wenn sie untereinander sprechen, aber Lächeln, Hände und Blicke sagen ohnehin mehr als Sprache.
Wir verabschieden uns. Alle winken noch lange, der Junge ruft irgendetwas, das wie „Bye, Aunty!“ klingt. Dann verschwinden sie zwischen Mango, Kühen und Lichtflecken.
Der Rückweg führt wieder über dieselben wackeligen Steine, diesmal wirkt alles vertrauter. Hinter uns glitzert der Bach im Sonnenlicht, vor uns beginnt die Straße – breit, lebendig, Richtung Süden.




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