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Auf den Spuren eines Kshatriya 8 – Eine Reise in die Vergangenheit - in ein früheres Leben - Thirunelli

  • Anja
  • 22. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Nov. 2025

Thirunelli: Das Tor zu den Ahnen


Am nächsten Morgen liegt Thirunelli noch in Nebel gehüllt. Die Sonne kämpft sich langsam durch die dichten Kronen des Waldes, goldene Lichtstreifen fallen auf moosbedeckte Steine. Von fern ertönt der erste Gongschlag des Tempels – als würde jemand den Tag mit einem Gebet öffnen.

Der Weg windet sich hinauf zu einem Tempel, der älter ist als Erinnerung — der Thirunelli Vishnu Tempel, einer der mystischsten Orte Nordkeralas. Man sagt, Brahma selbst habe diesen Ort erschaffen. Als er hier im Wald eine Statue Vishnus fand, soll er sie aufgestellt und den Platz Thiru-Nelli genannt haben – heiliger Feigenbaum-Ort. Vielleicht war es auch mehr als das. Ich spüre, dass dieser Platz etwas trägt, das aus einer Zeit stammt, in der Menschen und Götter sich noch näher waren. Ich gehe ehrfürchtig und respektvoll, denn ich möchte die Rituale und die religiöse Praxis der Pilger nicht stören oder verletzen. Ich weiß nie genau, wie andere Gläubige meine Anwesenheit sehen – also bewege ich mich vorsichtig, leise, fast wie ein Schatten, der nur beobachten darf.

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Der Ort scheint Geschichten zu bündeln.

Hier entspringt der Papanasini-Fluss, „der, der Sünden weg wäscht“. Seit Jahrtausenden kommen Pilger, um in seinem klaren Wasser zu baden. Männer in weißen Dhotis und Frauen in leuchtenden Saris stehen schweigend im Strom, tauchen das Gesicht unter, murmeln Gebete. Ein alter Priester entzündet Räucherwerk, der Rauch steigt spiralförmig in den Nebel – und der ganze Ort scheint zu atmen.

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Ein Pilger hatte mir die Geschichte mit Hand und Fuss erzählt – mit derselben Überzeugung, als sei er damals persönlich bei der Erbauung dabeigewesen. Ich hatte nur gelächelt und gedacht: Natürlich. Brahma hat kurz Pause gemacht, ein paar Granitblöcke gestapelt – und ist dann wieder in den Himmel zurückgeflogen.

Doch als ich jetzt unten am Fluss stehe, wird mir klar: Vielleicht ist an diesen Mythen mehr dran, als man denkt. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, ob Brahma hier wirklich landete – sondern dass der Glaube den Ort lebendig hält.

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Ein Stück oberhalb des Heiligtums liegt eine flache, vom Moos umwachsene Steinplatte – der Vishnupad, der „Fußabdruck Vishnus“. Manche sagen, es sei in Wahrheit Shivas Abdruck. In Indien ist das kein Widerspruch: Die Götter teilen sich hier alles – sogar die Füße.


Rund um den Tempel stehen uralte Pfeiler, von Moos überzogen, manche halb verfallen, andere noch aufrecht wie stille Wächter. Ich stelle mir vor, wie hier einst die Chera-Könige standen – Krieger, Händler, Priester. Wie sie Opfer darbrachten, bevor sie in den Kampf zogen. Damals gehörte Thirunelli zum alten Reich Cheranadu, einer frühen Hochkultur, die Spiritualität und Macht vereinte.

Hinter dem Tempel führt ein schmaler, gewundener Pfad durch den Wald, nur wenige viele anstrengende Minuten bergauf, zum Papanasini-Stream.

Ich folge den Steinstufen langsam, trete vorsichtig auf die Platten, die sich durch den Wald winden. Das Wasser fließt klar, kalt, rein. Pilger tauchen hier ihre Hände ein, sprechen Gebete, gießen Wasser über kleine Steinstelen. Ich knie mich nieder, berühre vorsichtig die Oberfläche, spüre die Kälte auf meiner Haut und die Reinheit, die von diesem Ort ausgeht. Für einen Moment wird alles still – alles, was ich war, scheint im Fließen zu verschwinden.

Hier, sagen die Alten, führten einst die Chera-Könige und ihre Kshatriya-Krieger Opfer und Rituale für ihre Ahnen durch. Lange bevor Steine gelegt wurden, soll hier ein hölzernes Heiligtum gestanden haben – zart, kunstvoll und vergänglich. Später errichteten die Cheras darüber einen Steintempel, so wie sie es an vielen heiligen Orten taten, um das Alte im Neuen weiterleben zu lassen. Namen wie Sthanu Ravi Varma oder Bhaskara Ravi tauchen in alten Inschriften auf – Herrscher der Chera-Dynastie, die diesen Ort als heilig und strategisch betrachteten.

Nicht weit vom Tempel liegt ein winziger Shiva-Schrein, fast verborgen zwischen den Bäumen. Ich gehe auch dorthin, bleibe respektvoll stehen, verneige mich leicht. Manche nennen ihn Pasupateeswarar, andere einfach den kleinen Wald-Shiva. Auch hier spüre ich die Kraft des Ortes – klein, unscheinbar, und doch tief verwurzelt in der Geschichte dieser Region.

Besonders beeindruckt mich ein Fußabdruck in Stein, der Vishnu zugeschrieben wird. Ich knie mich davor, lege die Hand darauf, und für einen Moment verschwinden die Trennung zwischen damals und heute, zwischen Legende und Wirklichkeit. Ich stelle mir vor, wie die Chera-Krieger mit nassen Füßen aus dem Fluss zurückkehren, ihre Stirn mit Sand bestreichen und still in Richtung der Berge blicken, ehe sie in den Krieg ziehen. Vielleicht war Thirunelli für sie das Tor zwischen Leben und Tod – Vishnu als Hüter des Gleichgewichts.

Der Tempel selbst ist schlicht und kraftvoll: schwarze Steinsäulen, ein niedriges Dach aus Kupferplatten, kleine Reliefs, vom Regen blankgescheuert. Keine Pracht, keine Lautstärke – nur das Atmen des Waldes. Noch heute kommen Pilger aus ganz Kerala hierher, um die Bali Tharpanam zu vollziehen, die Opferzeremonien für die Ahnen. Es heißt, wer hier betet, kann selbst für jene Frieden finden, die längst vergessen sind.

Ich sitze eine Weile auf der alten Steinmauer, höre das Wasser unten rauschen, den Duft von Ghee und Räucherwerk, das Rufen der Vögel. Thirunelli ist mehr als ein Tempel – es ist ein Ort, der die Vergangenheit trägt, die Gegenwart ehrt und die Seele still werden lässt.

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Auf dem Rückweg sehe ich Viju schon von Weitem, wie er sich ans Auto lehnt. Offenbar hat er mich im Auge behalten – so unauffällig wie ein Schatten mit Sicherheitsauftrag. Als ich näherkomme, lächelt er spitzbübisch: „So, Madam… did you find someone you knew?“

Ich verdrehe die Augen und antworte trocken: „Natürlich. Brahma. Er grüßt.“

Er lacht laut, schüttelt den Kopf und startet den Wagen.

Ich merke, dass ich Hunger habe, und bitte ihn, an einem kleinen Restaurant am Straßenrand zu stoppen. Dort essen wir einfaches lokales Essen – würzig, dampfend, ehrlich. Wir sprechen wenig, ich hänge meinen Gedanken. Danach fahren wir zurück zum Hotel, vereinbaren die Uhrzeit für die Abfahrt am nächsten Morgen und verabschieden uns.

Der Tag klingt aus – mit dem Gefühl, dass ich heute ein Stück weiter in eine alte Geschichte eingetaucht bin, die nicht aufhört, mich zu rufen.

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